Drop Down MenusCSS Drop Down MenuPure CSS Dropdown Menu

Montag, 23. November 2015

Orwell reloaded - Centum Night

"Eine Orwellsche Vision für das 21. Jahrhundert" - wenn ein Buch schon so einen schönen Satz auf dem Rücken stehen hat, dann ist es natürlich auch klar, dass es mir ins Auge springt. Darum hat es "Centum Night" auch in mein Regal geschafft.

Centum Night Cover

Nach einem Bürgerkrieg - dem Civil War - ist in vielen Ländern die Coastal Alliance in Kraft getreten. Dadurch wird das jeweilige Lang in drei Ringe geteilt: In der Victory-Zone lebt die High-Class, das niedere Volk im inneren Ring der Bonnieviell, beides getrennt durch die Safety Zone der Solo City. So soll ein ruhiges und geregeltes Leben, insbesondere für die reiche und machtvolle Schicht der Bevölkerung möglich sein.

Lange ging das gut, doch dann kommt es in Solo City zu einer unerklärlichen Mordserie. Agents werden darauf angesetzt, doch wie es scheint gibt es Verschwörungen gegen das System. Denn nicht nur, dass die einzelnen Schichten voneinander strikt getrennt leben - auch jede Form von emotionaler Nähe oder sexuellem Verlangen ist untersagt.


Wer in "Centum Night" startet, der wird sich zuerst wahrscheinlich ein bisschen schwer tun. Die Story startet nämlich extrem schnell und direkt in das Geschehen, auf eine Einführung in diese neue Welt wartet man fast vergeblich. Erst nach und nach - über das erste Drittel verteilt - ergibt sich ein Bild der dargestellten Welt, ihrer Organisation und ihre Aufbaus. Insbesondere durch die vereinzelten Auszüge aus der Coastal Alliance kann man sich schlussendlich doch ein sehr extremes aber gutes Bild dieses utopischen Systemes machen und immer mehr den Schrecken hinter der Geschichte verstehen.

Insgesamt bietet die Story dann eine wirklich erschreckende und doch nicht so weit entfernte Welt, vor der man durchwegs Angst haben kann. Diese Komplettkontrolle und die strikten Linien spielen gekonnt mit der Angst der Leser, denn so utopisch einiges klingen mag, so unrealistisch mag es dann doch nicht sein. Gerade diese strikte Trennung von reich und arm, die klaren Aufgaben und der Schutzgürtel der Reichen, die emotionale Vereinsamung: alles Kleinigkeiten die man sich unterbewusst doch auch vorstellen kann (wenn die stellenweise nicht schon in abgeschwächter Position passieren).

Sehr auffällig, dass gerade das sexuelle Verlangen einen sehr wichtigen Part in dem Plot spielt. Durch das radikale Verbot von körperlicher Nähe bekommt gerade das einen sehr hohen Stellenwert, insbesondere je weiter die Geschichte voranschreitet. Wer als mit Anzüglichkeiten ein Problem hat, der könnte durchaus schockiert werden.

Die Charaktere denen man begegnet sind sehr steif und starr - das passt allerdings super auf das System der Klassentrennung, gerade weil man sich mit der Story dabei hauptsächlich in der sehr starren und geregelten Safety Zone Solo City oder den verbrechengeplagten inneren Bezirk der Bonnievielle befindet. Ein wirklich emotionaler Bezug kommt nicht auf zu den Charakteren, doch schlicht und einfach weil diese selbst keine Emotionen kennen. Die kalte und geregelte Atmosphäre spiegelt sich einfach wirklich extrem gut auch in den Charakteren wieder.
Ein bisschen schwierig ist allerdings, dass man auch nicht unbedingt einen Überblick über all die handelnden Personen bekommt. Immer wieder fallen Namen, doch wirklich einen Bezug kann man zu diesen dadurch auch nicht herstellen. So viele Charaktere erscheinen kurz um erst später wieder an Bedeutung zu gewinnen, bis dahin hat man sie beinahe schon vergessen. Gerade was die Personenkonstellation betrifft kein leichtes Pflaster, da sollte man schon mit etwas Konzentration dabei sein.

Doch ohne Konzentration kommt man sowieso nicht durch "Centum Night". Denn auch der Schreibstil ist eher gehoben, sehr komplex und nicht ganz einfach. Es wird mit viel Fachvokabular und eigenen Begriffen aus der utopischen Welt um sich geworfen, die den Leser eventuell schnell mal überfordern könnten. Gerade auch weil diese Begriffe dann oft auch noch eigene Abkürzungen und "Mundart"-Ausdrücke bekommen macht das ganze nicht einfacher. So kann es durchaus für einen Begriff drei verschieden Bezeichnungen geben, die man sich erst mal zusammenreimen muss.

Zum Glück hängt man aber nicht komplett in der Luft! Denn diese Komplexität ist gewollt und scheint dem Autor auch bewusst gewesen zu sein - dem Leser wird nämlich mit einem 19-seitigem Glossar geholfen. Mag man also den ein oder anderen Begriff nicht zuordnen können, so kann man ihn ohne Probleme nachschlagen und dann wieder ins Geschehen abtauchen. Als kleiner Tipp: vielleicht sogar einmal zuvor das Glossar durchlesen oder zumindest überfliegen, so bekommt man zu den unterschiedlichsten Fachausdrücken schon mal ein bisschen mehr Bezug. 
Solch eine Hilfestellung wie bei den Begriffen hätte man sich eventuell bei den Charakteren auch wünschen können, gerade weil die Story eben doch sehr kompliziert und verworren wird.

Man darf sich auf eine sehr komplexe und durchdachte Story voller Intrigen und Rebellion, Verrat und Missgunst freuen. Die Geschichte ist nicht einfach, aber gerade das macht sie aus. Kein utopischer Roman für den schnellen Science Fiction Fan, sondern eher Lektüre für die Denker und den Lesern. Denn "Centum Night" braucht seine Zeit um zu wirken, braucht Konzentration und vor allem: keine Angst vor der Utopie!


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

LinkWithin

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...